Case of the week2018-04-16T17:00:45+00:00

Case of the week

Mit dem Case of the week wollen wir wöchentlich eine Notfallsituation genauer betrachten – anhand einer effektiv vorgefallenen Situation.

Sturz auf das Gesicht – nur eine oberflächliche Wunde oder ein weiterführendes Problem?

Das Sportevent ist beinahe schon zu Ende. Der Ruf ertönt, im Eingangsbereich sei eine Person gestürzt. Das ausrückende Team findet die betroffene Person rasch auf. Sie entscheiden, dass ein Transport ins nahe gelegene Sanitätszimmer möglich und zweckmässig ist.

Im Sanitätszimmer eingetroffen, übergeben sie die betroffene Person an den Dienst tuenden Sanitäter. Der Betroffene ist männlich, über 50 Jahre alt und wirkt alkoholisiert. Die Antworten auf die Fragen des Sanitäters sind inhaltlich richtig, wirken aber verlangsamt. Im Gesicht sind mehrere frische Schürfwunden ersichtlich.

In dieser Situation geht es uns primär darum zu erkennen, ob die oberflächlichen Schürfwunden die einzigen gesundheitlichen Probleme darstellen oder ggf. weitergehende und schwerwiegendere Probleme vorliegen. Könnte er infolge Rhythmusstörungen des Herzens gestolpert sein? War er bewusstlos, bzw. muss von einem relevanten Schädel-Hirn-Problem ausgegangen werden?

Eine solche Beurteilung ist häufig nicht einfach. Die Alkoholisiertheit des Betroffenen ist zusätzlich erschwerend. Unter Supervision eines weiteren Sanitäters wird schliesslich der Entscheid gefällt, dass keine ausreichenden Verdachtsmomente für ein weitergehendes Problem erkannt werden können. Der Betroffene weiss überzeugend zu erklären, was geschehen ist. Er ist zum Zeitpunkt der Untersuchung sog. allseits orientiert (d. h. er weiss, wer er ist, wo er sich aktuell aufhält, welcher Tag heute ist und was er hier macht). Mit Ausnahme leichter Schmerzen im Gesicht ist er symptomfrei (keine Übelkeit, kein Schwindel, keine anderen Symptome). Und – last but not least – wirkt er auch nicht erpicht darauf, weiterführende Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Gerade letzterer Punkt ist zusätzlich erschwerend. Grundsätzlich ist der freie Wille des Patienten zu respektieren. Einzig wenn der Betroffene nicht urteilsfähig ist, bspw. wg einer Verwirrtheit infolge Sturz auf den Schädel, kann im mutmasslichen Sinne des Patienten gehandelt und bspw. eine Hospitalisation mittels Rettungsdienst erzielt werden. Und weil wir in diesem Fall der Meinung sind, dass der Betroffene urteilsfähig ist, verzichten wir auf seinen Wunsch hin auf weiterführende diagnostische Massnahmen und versorgen einzig noch seine oberflächlichen Wunden. Der guten Ordnung machen wir ihm vor der Verabschiedung darauf aufmerksam, dass er bei einer Zustandsverschlechterung sogleich mit einer medizinischen Fachperson in Kontakt treten soll.

Hyperventilation

Das Schüler-Fussballturnier ist bereits einige Stunden im Gange. Die Hitze ist weiterhin intensiv. Die Teilnehmenden wirken bereits etwas erschöpft.

Wir werden gerufen, weil eine ca. 14jähriges Mädchen in Not sei. Es hätte eine eingeschränkte Bewusstseinslage.

Vor Ort präsentiert sich die Situation wie folgt:

  • Das Mädchen liegt in Bauchlage, sich auf eine Bezugsperson stützend
  • Es scheint, als sei sie eingeschränkt bei Bewusstsein
  • Sie atmet schnell

Wir vervollständigen unsere 3 S und unseren Ersten Eindruck. Es liegt also eine betroffene Person vor (Mädchen, jung). Die Situation ist übersichtlich, Gefahren sind keine festzustellen. Das Mädchen ist bei Bewusstsein, schluchzt, reagiert auf Ansprache nicht mit einer differenzierten Antwort. Es atmet sichtlich schnell. Der Puls ist peripher (am Handgelenk) gut spürbar. Verletzungen scheinen auf den ersten Blick keine vorzuliegen.

Auch wenn aufgrund des Bilds sogleich von einer Hyperventilations-Situation ausgegangen werden kann, muss gleichwohl bedacht werden, ob ergänzend etwas anderes vorliegt, das ggf. gar schwerwiegender sein könnte.

Eine zu schnelle Atmung (zu hohe Atemfrequenz) kann bspw. Zeichen eines Schocks sein. Dieser Schock kann bedingt sein durch eine starke allergische Reaktion oder bspw. auch durch eine innere oder äussere Blutung.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines dieser beiden schwerwiegenden Notfälle in diesem Fall sehr unwahrscheinlich wirkt, müssen diese durch gezielte Nachfrage (Ereignisablauf, ist es zu einer Kraftwirkung auf den Bauch gekommen, ist es zu einem Insektenstich gekommen?) und weitere Eindrücke überprüft, bzw. weitgehend ausgeschlossen werden.

Eine hyperventilierende Person kann ihr Umfeld in grosse Aufregung versetzen. Die betroffene Person wirkt verängstigt, aufgelöst und in Stress. Wichtig ist es zu wissen, dass eine Hyperventilation ungefährlich ist und von selbst wieder aufhört. Die Dauer dieser Hyperventilationssituation beträgt einige Minuten.

In aller Regel können Hyperventilationsepisoden durch sogenanntes talking down gelöst werden. Dabei wird mit entsprechender Wortwahl und Stimme eine Beruhigung der Betroffenen erzielt. «Atme langsamer, Du atmest zu schnell, einfach langsamer atmen. Noch langsamer, sehr gut, …». Bisweilen gelingt es beim ersten Ansprechen nicht, bis zur Betroffenen «durchzudringen». Ein Schmerzreiz kann in diesem Fall die nötige Aufmerksamkeit möglich machen.

Im besagten Fall anlässlich des Schüler-Fussballturniers musste kein Schmerzreiz angewendet werden. Das alleinige beruhigende Ansprechen reichte aus. Es ist eindrücklich, wie rasch sich die Situation auch wieder beruhigen kann, wenn einmal der Höhepunkt überwunden ist.

Beim Hyperventilieren verkrampfen sich häufig die Handgelenke. Sie nehmen eine Stellung ein wie bei Hunden, die das Pfötchen geben («Pfötchenstellung»). Auch diese Verkrampfung ist harmlos und löst sich nach Ende der Hyperventilation.

Früher wurde empfohlen, der betroffenen Person einen Sack vor den Mund zu halten, damit diese beim wiederholten Ein- und Ausatmen eine zunehmend verbrauchte Luft einatmet. Man ging damals davon aus, dass durch das zu viele Atmen Kohlendioxid zu sehr abgeatmet würde (zu wenig Kohlendioxid mehr im Blut). Das Vorhalten eines Sackes würde diesem Trend entgegen wirken. Heute geht man davon aus, dass diese frühere Theorie nicht richtig gewesen ist. Das Vorhalten eines Sacks wird nicht mehr empfohlen. Die persönliche Erfahrung in vielen Hilfestellungen bei hyperventilierenden Personen zeigte allerdings, dass das Vorhalten eines Sackes tatsächlich wirkte. Vielleicht auch nur, weil die betroffene Person dadurch noch besser merkte, dass man sich um sie kümmert.